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Mode ist eine Figur des Dritten

Diplomrede 2026 Jörg Wiesel

Liebe Graduates / liebe Designer:innen

 

Liebe Eltern, Kolleg:innen, Freundinnen und Freunde, liebes Team BA Fashion Design!

Als ich letzte Woche begann, mir Gedanken über die diesjährige Diplomrede zu machen, kam mir die Eröffnung des Wiener Opernballs in die Quere – aber auch wie gerufen.

Sharon Stone, auf Einladung des Süsswaren-Unternehmers und selbst ernannten «Schaumrollenkönigs» Karl Guschlbauer Stargast des Balls, verlor vor laufenden Kameras noch vor Betreten der Oper ein wenig die Nerven: Zuerst dachte ich: «Alles Show» - aber nein, die weltbekannte Schauspielerin zeigte offen und angefasst ihre Rührung über den Anlass in Europa, die gelöste, festliche und erwartungsvolle friedliche Stimmung, das in ihren Augen vertrauliche Miteinander der Gäst:innen, auch die Eleganz der Teilnehmenden.

«Ich bin etwas überwältigt» von einem «Meer von Anmut», die «Eleganz und Würde» hätten ihr «den Atem geraubt» - so Stone; im Übrigen gekleidet in ein Ensemble von Valentino mit deutlichen Reminiszenzen an Gustav Klimt.

Von den Boulevard-Medien BLICK und BILD gleich als «Panikattacke» misogyn abgetan, hatte dieser irritierende und zutiefst «authentische» Moment für mich etwas Echtes, Wahrhaftiges. Ich habe ihn auch als Kommentar zu den aktuellen Geschehnissen in ihrem Heimatland gesehen und gelesen, als ganz andere Welt als die, die sie für ein paar Tage verlassen hatte.

Die Morde der sogen. «Einwanderungsbehörde» ICE an Renee Nicole Good und Alex Pretti in Minneapolis und die gewalttätige Umkehr und Beugung jeglichen Rechts standen Sharon Stone hier wahrscheinlich vor Augen – und sie war herausgefordert, diese schrecklichen Ereignisse mit den Bildern und Stimmen vor der Wiener Staatsoper irgendwie zu überblenden – ganz im Sinne einer kinematografischen Audiovision: Bilder färben Töne ein und Töne Bilder; Michel Chion hat das Audiovision genannt – eine «Synchrèse» audiovisueller Wahrnehmung, die ästhetisch anspruchsvoll inszeniert, aber auch als Schock erfahren werden kann. Das Ohr analysiert, verarbeitet und synthetisiert nämlich schneller als das Auge – die auf Sharon Stone einströmenden Stimmen, Geräusche und Klänge musste sie mit der Opulenz der ihr begegnenden Bilder erst einmal synthetisieren – und dann an die gespeicherten Bilder von ICE (Immigration and Customs Enforcement) verfolgter und getöteter Menschen koppeln – so meine Vermutung.

 

„In einem ersten Kontakt mit einer audio-visuellen Nachricht wird das Auge mehr räumlich, das Ohr mehr zeitlich gefordert.“ Noch einmal: Ton/Sound und Bild verschmelzen in einem wahrnehmenden Akt im Affekt der Betrachter:innen: Das Bild „färbt“ den Ton ein, der Ton „färbt“ das Bild ein.

 

Kurzum: Sharon Stone hat mich berührt, nicht nur mich _ und ebenso wie Michel Chion die Audiovision beschreibt, habe ich Bilder, Musiken und Sound Eurer Performances / Präsentationen im Ohr / und vor Augen.

Denn Ihr alle habt uns auch berührt, während der fast vier Tage an den Abschlüssen und Präsentationen, also an der Prüfung Eurer BA-Thesis. Wie souverän Ihr mit Euren Teams, den Models, Performer:innen und Performern, den Musiker:innen und Helfer:innen umgegangen seid, ja wie freundlich, herzlich und wertschätzend sie behandelt wurden, das rührt und fordert Respekt.

Allein die vielen Menschen, die an Eure Präsentationen gekommen sind, sprechen Bände: Da sind Netze und Kreise respekt- und liebevollen Umgangs spürbar, ein Miteinander, das eine Sozialität, eine Gemeinschaft hervorruft, die durch die Mode und ihr momenthaftes Auftreten aber umso nachhaltiger gestaltet wird – über den Tag hinaus.

Gerade in diesem Abschluss-Jahr (denn jedes Jahr, jeder Jahrgang ist anders) ist mir das sozial, kulturell und freundschaftlich Verbindende sehr stark geblieben – bei aller «Verbindlichkeit des Vorübergehenden». Diese «Verbindlichkeit des Vorübergehenden» ist der Topos der europäischen Modetheorie seit Georg Simmel. Elena Esposito hat Simmel systemtheoretisch gewendet und schreibt:

«Die Mode ist anders und zielt, wie wir noch sehen werden, nicht darauf, zu gefallen und sich anzupassen, sondern darauf, auf der Basis jedweder Form von Andersartigkeit Verwunderung auszulösen. Mode strebt nicht Einheitlichkeit an, sondern immer und in jedem Fall Differenz in der Zeit und gegenüber anderen.»

Die Paradoxie, im Vorübergehenden der Mode etwas Verbindliches zu bekommen, ist der Kern sowohl Simmels wie auch Espositos. Ist Mode damit unverbindlich, aber verbindend? Diese Sprachspiele liessen sich beliebig weiterführen, aber daran ist mir jetzt nicht gelegen. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass Eure Arbeiten, Projekte, Kollektionen der Thesis 26 eine Verbindung geschaffen haben, die auch ein Publikum jenseits der HGK Baseladressiert – eine Verbindung in und durch Mode und Mode-Design. Und diese Verbindung ist sozial verbindlich, als Verbund!

Das Vorübergehende / das Vorübergegangene der vier Tage ist durchaus da: In unserer Erinnerung, aber auch als Eure Vision von Mode für die Zukunft!

Es ist diese Paradoxie des Verbindlichen im Vorübergehenden, was viele an der Mode schon um 1800 gesehen haben, in einer Zeit, in der alte Ordnungen schnell in Auflösung begriffen waren, Orientierungssysteme zusammenbrachen – in Europa, und umgekehrt in den von Europa gewalttätig überfallenen und zu Kolonien gemachten Kulturen – hier aber hielt sich die repressiv unterdrückende Macht noch weit bis in das 20. Jahrhundert (und bis heute).

Lesiba Mabitsela aus Johannesburg, der aktuell in Kampala lebt und arbeitet, hat uns in Gesprächen vor Euren Prüfungen und während der Diskussionen in der Prüfungskommission immer wieder daran erinnert. «Afro-sustainability asks us to think differently about Africa’s role in the conversations on sustainable fashion and textile practices, that we do not need to just simply follow the UN Sustainability Goals but play a leading role in contributing or challenging those goals by studying and educating ourselves in the ways that we are already engaging in.»

„Afro-Nachhaltigkeit fordert uns dazu auf, die Rolle Afrikas in den Diskussionen über nachhaltige Mode und Textilpraktiken neu zu überdenken. Wir müssen nicht einfach nur die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen befolgen, sondern eine führende Rolle dabei übernehmen, zu diesen Zielen beizutragen oder sie zu hinterfragen, indem wir uns mit den Methoden, die wir bereits anwenden, weiterbilden und uns weiterentwickeln.“

Der Einbruch der Kontingenz (des Zufalls, des Unvorhersehbaren, nicht mehr Gesicherten) in die europäische Ordnung um 1800 ist vielfach – ohne eurozentrisch zu argumentieren - hervorgehoben worden: Die Mode sei so faszinierend und gebe Sicherheit, Orientierung, dass sie sich das Recht nehme, dessen Einfluss auf das Zeitliche immer wieder zu verändern. Mode sorgt also auch für soziale – und ich füge hinzu demokratische – Stabilität. Sie beugt das Recht nicht, sondern fügt es in einen politischen Diskurs als unendlichen Prozess ein. «Demokratie muss jeden Tag erneuert werden.»

Diese – wie ich finde – soziale Stabilität habt Ihr alle unterschiedlich und in immer konzisen Designs und Inszenierungen unter Beweis gestellt. Es war auch die Stimmung ganz direkt vor Euren Präsentationen: voller Erwartung, voller Kommunikation untereinander, voller Achtung. Nicht nur der grosse Zulauf an Euren Präsentationen, nein, auch Eure umgesetzten, im Raum und an Menschen gezeigten Entwürfe zeigen das Politische, das Soziale der Mode im Sinne einer Figur des Dritten.

Und ich gehe hier noch weiter: Vielleicht ist es nicht verwunderlich, dass gerade in Zeiten globaler Krisen, einer «Zeitenwende», gewalttätiger und kriegerischer Übergriffe auf Menschen die Mode als ein (demokratisches) Drittes so etwas wie Stabilität / Verbindlichkeit ausmacht – zur und in Mode versammeln wir uns, beobachten einander und begegnen uns. Und das in einer Welt, die zunehmend autoritär, autokratisch, in Freund-Feind-Gegenüberstellungen, Inklusion und Exklusion / Drinnen und Draussen handelt. Kein Wunder, dass autokratische Regime Angst vor der Mode hatten und haben. Mode war und ist schon immer queer, sie öffnet Räume für Anderes, politisch (im Sinne von Politik) nicht zu Fassendes.

Denn Mode ist eine Figur / eine Figuration des Dritten: «,Effekte des Dritten’ entstehen in dem Maß, in dem intellektuelle Operationen nicht mehr bloß zwischen den beiden Seiten einer geltenden Unterscheidung hin- und herlaufen, sondern der Akt des Unterscheidens selbst zum Gegenstand und Problem wird.»

Mode unterläuft die Binarität der Geschlechter und ihrer vermeintlichen Ordnungen – und das meint nicht nur Genderfluidität, sondern viel mehr. Mode irritiert das Verhältnis von Design hier und Kunst da.

In meinen Augen geht sie weder nur im Design, noch ausschliesslich in der oder als Kunst auf. Diese seit Jahrzehnten immer wieder strapazierte Einordnung in eine auch als Opposition (Design vs. Kunst) gedachte Binarität langweilt mich seit langem, denn Mode ist mehr als die Zusammenkunft von Design und Kunst. Sie ist etwas Drittes, sie hat das «Vermögen, binär codierte Grenzregimes zu unterminieren»: In der Performativität ihres Entwurfs / ihres Entstehens und Gestaltens sowie in der Performanz ihrer Aufführung, die Elena Esposito als Unverbindlichkeit / als Vorübergehendes apostrophierte, liegen ihre Stärke und Kraft.

Im Katalog zur Ausstellung «Yayoi Kusama» schreibt Emanuele Coccia zur «Metamorphose der Mode» bei Kusama:

«Kleidung zu tragen heißt, in ein hautnahes Verhältnis mit ihr einzutreten, Maße und Farben, Textur und Silhouette von Kleidung zu einem Teil unserer eigenen Identität werden zu lassen. Die anthropologisch verankerte Universalität und die Körperbezogenheit haben aus der Kleidung eine Art Einfallstor für die Kunst in jedermanns Leben gemacht. Die Kleidung wurde zur Zauberformel, mittels derer Kunst sich in jene Gestalt verwandeln lässt, in der ein jeder und eine jede sich ins Verhältnis zu sich selbst, zum anderen und zur Welt setzen kann. Durch das Tor der Mode tritt die Kunst nicht nur aus dem White Cube der Welt der Galerien und Museen heraus, sie ver-wandelt sich auch in einen Formen- und Gestenvorrat, aus dem das Indivi-duum bei der Modellierung und Neugestaltung der eigenen Erscheinung unbegrenzt schöpfen kann.»

Wenn Coccia hier von Anthropologie (als Wissen vom Menschen in allen seinen Formen) spricht, dann kommt der Mode eine besondere Bedeutung zu: Mode umschliesst das Gewebe der Textilien und Materialien und das physiologisch-biologische Gewebe unserer Körper. Das Gewebe ist immer doppelt codiert; als textiles Gerüst und als körperliches, das als Verbund aus Zellen, die zusammenarbeiten, um spezifische Funktionen zu erfüllen. Eva, Priska und ich haben das im Rahmen unseres Vortrags am Symposium «Weaving Connections» im Dezember in Paris deutlich betont. Körper- und textile Gewebe korrespondieren, bilden einen Resonanz-Raum, reagieren aufeinander und kommunizieren in und durch Mode.

Das habt Ihr alle sehr überzeugend gezeigt. Und damit immer wieder deutlich gemacht, dass die Mode als Figur des Dritten das (totalitär) Ausgeschlossene zum Sprechen bringen kann, die Geschlossenheit von Systemen und Strukturen aufbrechen kann, denn:

Mit Leonhard Cohen, in seinem Song «Anthem» / 1992, heisst es:

«There is a crack, a crack in everything
That's how the light gets in»

 

«Es gibt einen Riss, einen Riss in allem.

So kommt das Licht herein»

Ihr habt Licht in unsere Welt gebracht, Euer Handeln hat Gutes bewirkt (Hartmut Rosa) und Ihr macht das hoffentlich auch in Zukunft: Herzlichen Glückwunsch, Gratulation:

Noemi, Hannah, Bada, Alec, Josefa, Sagil, Camila, Romeo, Marta, Jennifer, Blanca, Aino, Sofiia, Jerome, Lorena, Naima, Greta, Nicola und Julien

 

Alles Gute!

All photos by Corinne Wenger for Doing Fashion HGK Basel FHNW